Mittwoch, 26. April 2017

Farben und Formen


Zuletzt hatte ich über meine Nachteile als Mädchen mit ungewöhnlichen Interessen und als Frau im Ingenieurstudium und -beruf geschrieben.

Heute möchte ich den Fokus mal auf die Einschränkungen der Jungs und Männer lenken. Wenn man sich mal so umschaut, dürfen Mädchen heutzutage nämlich viel mehr als Jungs! Sie dürfen lange Haare tragen oder kurze. Sie können Röcke, Kleider, Hosen oder Leggins in allen Farben anziehen. Sie dürfen alle Berufe lernen, ohne dass man gleich über ihre sexuelle Orientierung nachdenkt. Weibliche Elektriker mögen selten sein und im Berufsalltag Nachteile haben, aber niemand bezeichnet sie gleich als Lesbe. Das ist bei Männern anders, die Friseur, Kosmetiker, Tänzer, Erzieher oder Krankenpfleger sind.

Oft genügt auch nur ein vermeintlich weibliches Detail, um gleich die Genderpolizei auf den Plan zu rufen. Hat der Junge in der Kita eine dunkelblaue Latzhose mit grauen Ziernähten an, ist das kein Problem, aber wehe da ist ein kleines Herz auf die Tasche gestickt! "Das ist doch eine Mädchenhose! Das würde ich meinem Sohn ja nicht anziehen!!!"

Als vor Jahren ein neues Kind in unsere Kita kam, habe ich kurz "Hallo! Bist du neu hier? Wie heißt du denn?" gefragt. Der Name war ungewöhnlich, es hätte ein Mädchen oder Junge sein können. Das Kind hatte schulterlange Locken. Als ich bemerkte, dass ich darüber nachdenke, welches Pronomen ich nun verwenden soll, wenn ich die Mutter (oder war es der Vater? Das war auch nicht so eindeutig zu erkennen) frage, ob es dem Kind hier gefällt, habe ich mich geärgert, dass ich darüber überhaupt nachdenken muss. Denn eigentlich ist es mir völlig egal, welches Geschlecht das Kind hat. Es ist für mich nicht relevant. Ich will darüber nicht nachdenken müssen, was das Kind da in der Hose trägt. Irgendwie habe ich jedenfalls das Pronomen umgangen und habe aus einer Aussage des Elternteils entnommen, dass es ein Junge ist. Okay, ich war froh, nun das korrekte Pronomen verwenden zu können. Aber schon fünf Minuten später hörte ich eine andere Mutter lautstark blöken: "Waaas? Ein Junge mit langen Haaren???" *seufz*

Ich wünsche mir die Abschaffung der männlichen und weiblichen Personalpronomina genauso wie das Ende des Gender-Marketings. Steht man im Spielzeugladen vor den Lego-Schachteln, wird schon von weitem klar, wer die Zielgruppe der jeweiligen Produkte ist: die Muffin-Bäckerei in der rosa Schachtel für Mädchen, die Feuerwehr in der blauen Schachtel für Jungs. Und wenn ein Mädchen kein rosa, aber Bäckereien mag, hat sie ebenso Pech wie ein Junge, der lieber rosa mag oder die Bäckerei, aber kein rosa. Wobei es ja noch geht, wenn ein Mädchen mit einer Feuerwehr aus der blauen Packung spielt. Aber wehe ein Junge spielt mit Mädchenspielzeug! ALARM!!! Meistens wird er dann gnadenlos von anderen Jungen deswegen gehänselt und ausgegrenzt. Natürlich kann man sagen, dass ein selbstbewusstes Kind darunter nicht leidet. Aber es wäre doch schöner, wenn es einfach keine Rolle spielen würde. Und manche Kinder sind sensibel und und schüchtern, sie haben es eh schon schwer genug mit den sozialen Kontakten. Da passen sie sich lieber den ungeschriebenen Gesetzen an.



Neulich war ein Junge bei uns zu Besuch, der bei einer Süßigkeit (!) gesagt hat: "Das nehm ich nicht, das ist rosa und rosa ist eine Mädchenfarbe." Ich habe ganz ernst gesagt: "Oh ja, rosa ist totaaaal  gefährlich für Jungs. Die explodieren, wenn sie etwas rosanes berühren! Man muss schon ein starkes Mädchen sein, um diese Farbe auszuhalten. Jungs sind dafür viel zu schwach."
Ich bin gemein, nicht wahr?



Um eins klarzustellen: Ich habe nichts dagegen, wenn Mädchen die Farbe rosa lieben und sich von Kopf bis Fuß darin kleiden. Ich will auch keinen Jungen zwingen, rosa oder Glitzer zu tragen. Aber wenn ein Junge rosa, lila oder Glitzer mag, gern mit Puppen oder Einhörnern spielt, muss das in Ordnung sein und unkommentiert bleiben.

Es ist doch nur eine Farbe!
Ich sage meinen Kindern immer: "Es gibt keine Mädchen- oder Jungsfarben. Es gibt auch kein Mädchen- oder Jungsspielzeug. Wer mit Puppen spielen will, soll mit Puppen spielen. Das ist doch schön. Und wer gern mit der Eisenbahn spielt, soll das bitte tun. Hauptsache, es macht Spaß!"

Es gibt schließlich auch kein Mädchenbrot und kein Jungsobst.
Also lasst doch einfach mal den Quatsch!

Ich wünsche mir Rennautos, Eisenbahnen, Dinos, Puppenküchen, Fußbälle, Einhörner und Werkbänke in allen Farben, mit und ohne Glitzer! Und bitte ohne die Notiz auf der Packung, ob das für "Girls" oder "Kerle" ist!

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Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    meine Kinder sind schon ziemlich groß, daher kann ich bestätigen, dass es kein bleibenden Schäden verursacht, wenn Jungs mal "Mädchendinge" tun. Mein ältester Sohn hatte bis weit in die Grundschulzeit eine Puppe (Anni), die er ständig dabei hatte, die abends mit eigenem Schlafsack bei ihm im Bett schlief, der ich Bekleidung nähte aus den Reststoffen, die ich von seinen Sache übrig hatte und so weiter.
    Mein zweiter Sohn hatte mit drei eine Verkleidungsphase, sein Lieblingsteil war ein alter Rock, den er immer über alles drüberzog. Einmal waren wir spazieren und eine ältere Dame sagte zu mir mit Blick auf ihn (er hatte in dieser Zeit auch etwas längere Haare):"Ihr Mädchen trägt aber einen hübschen Rock." Auf meine Antwort, dass mein Mädchen ein Junge ist, war sie sprachlos/entsetzt und ich amüsiert.
    Meine Tochter hatte nie mit Puppen viel am Hut, aber sie hatte eine heftige rosa-Rüschen-Prinzessinnen-Phase, in der sie täglich mit einem solchen Fastnachtskleid in den Kindergarten gehen musste. Ich musste es dauernd ausbessern, es fiel bald auseinander.
    Auf jeden Fall habe ich die Erfahrung gemacht, dass man den Kindern gewisse Freiräume lassen kann und eine Gelassenheit sich nur positiv auswirkt.
    Liebe Grüße
    Miriam

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    1. Liebe Miriam,

      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich denke auch, dass eher ein Schaden entsteht, wenn man Menschen nicht so sein lässt, wie sie sein wollen. Hier in Berlin geht es ja schon bunter zu als anderswo. Ich bin beim Einkaufen schon z.B. einem Mann mit Vollbart im Dirndl mit Netzstrümpfen begegnet. Da war ich natürlich überrascht. Aber ich würde nie etwas dazu sagen.
      Wenn man bedenkt, dass Frauen früher sogar ihren Job verlieren konnten, wenn sie in Hosen zur Arbeit kamen...
      Das erscheint uns heute absurd. Ich hoffe, es ist bald genauso absurd, wenn sich jemand über Jungs in rosa oder im Rock aufregt.

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